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Seine Augen bekommen mehr und mehr Glanz, das Gesicht wird gelöster, der Körper richtet sich auf…

Die Körpersprache nehme ich an dem Mann wahr, dem ich gerade von meiner Arbeit erzähle. Als ich schweige, holt er tief Luft. „Das hätte ich jetzt gerne!“, sagt er andächtig. Und mit gehobener Stimme: „Von einer FRAU!“

Szenenwechsel. 20 Fauen, 20 Männer. Augenbinden werden verteilt. Es gibt nur eine Regel: Nicht sprechen. Ein paar Mal im Kreis drehen. Ein paar vorsichtige Schritte. Die Hände ausstrecken und fühlen…

Der Rücken ist breit, das T-Shirt ein wenig verschwitzt, der Nacken behaart. Unter meinen zart massierenden und kraulenden Fingern wird er noch breiter, wölbt sich mir entgegen. Seine Hände sind irgendwo vorn beschäftigt und ich lasse meine Fingerkuppen krallig und langsam über seine Schultern und in Wellen bis zum Ansatz seines Hinterns herabwandern. Ein tiefer wohliger Seufzer ist die Folge. Ich umfasse ihn ein wenig und meine Hände wandern an seiner Vorderseite herauf. Sein Körper antwortet.
 

Langsam gleiten seine Hände zu meiner Brust…

Minuten vergehen, dann will er es wissen! Er dreht sich um. Seine Hände setzen tastend an meinem Kopf an. Alles was er spürt, ist das Tuch, welches als Augenbinde meinen Kopf weitgehend verhüllt. Ich streichle ihn derweil, wo immer ich ihn berühren kann und er schnurrt vor sich hin.
Seine Hände spüren weiter dem Wesen nach, das ihn so schön verwöhnt. Meine Schultern geben jedoch offenbar auch nicht genügend Information her. Ich spüre ein kleines Zögern, höre, wie er mutfassend die Luft einzieht… Dann gleiten seine Hände langsam zu meiner Brust hinunter und finden… nichts.

Der Wechsel ist jäh. Ich werde auf volle Armlänge weggestoßen und auf Abstand gehalten. Fast reflektorisch mache ich einen kleinen Ausfallschritt, klopfe ihm kräftig und kumpelhaft auf die Schulter, greife fest in seine Muskeln. Sofort kehrt Entspannung ein. Ich spüre, wie er die Arme sinken lässt. Ich löse meinen Griff und meine Finger bewegen sich im Streicheltanz in Richtung Nacken. Sein Ellbogen befördert mich eindeutig auf Distanz. Der Kopf hat gesiegt.
 

Da scheint kaum ein gutes Haar an diesen behaarten Wesen…

Ich nehme den Zustand unserer Gesellschaft und der Welt wahr. Es herrschen Angst und Unsicherheit. Allenthalben brodeln und toben Aggressionen. Menschen und Umwelt werden zunehmend geschädigt. Auch die Beziehungsebene wird auffallend häufig von Dürre heimgesucht oder von Erdbeben erschüttert. Als Täter und Verursacher stehen dabei vorzugsweise Männer im Blickfeld. Sie sprechen nicht, sie zeigen sich nicht, sie sind gefühllos, beuten aus, unterdrücken, missbrauchen, wollen nur das Eine… An diesen behaarten Wesen scheint, global gesehen, kaum ein gutes Haar.

Das Tantrainstitut hat 22 fest angestellte Mitarbeiterinnen und einen Mann als Honorarkraft, der ab und an hinzugeholt wird. Männer und Frauen werden ganz selbstverständlich von Frauen massiert. Frauen gelten als der Inbegriff von Emotionalität, Zuwendung, Versorgung, Zärtlichkeit…

Wir haben Angst vor zärtlicher Berührung

Ich finde Schuldzuweisungen sinnlos und festgefügte Rollenbilder lebensbremsend. Sinnvoll hingegen ein Wahrnehmen der Gegebenheiten. Wenn Du meine Worte hier liest und ein Mann bist, lade ich Dich zu einer kleinen Reise nach innen ein. Ich nutze dabei die Worte „wir“ und „uns“.

Obwohl ich sicher bin, dass meine Wahrnehmung nichts mit Dir persönlich zu tun hat 🙂 , betrifft sie uns Männer auf kollektiver Ebene. Von hier lasse ich meinen Blick schweifen.

Bild von zärtlichen Bären

Gibt es in Deinem Leben stille Momente? Momente, in denen Du das allgegenwärtige Misstrauen der Frauen gegenüber uns Männern wahrnimmst? Momente, in denen Du das Gefühl zulassen kannst, dass all diese ausgeübte männliche Macht mit ihren schädlichen bis vernichtenden Energien einer Schwäche entspringt? Kannst Du die Ängste und Mechanismen spüren, die dieser Schwäche zugrunde liegen?

Wir Männer haben Angst. Tiefsitzende Angst. Nein, natürlich nicht vorm Bungeesprung, vor Flügen im Wingsuit und vor den siebenköpfigen Drachen, die wir „mit links“ töten. – Wir haben Angst vor zärtlicher Berührung. – Nein?

Doch.

Wir haben Angst vor zärtlicher Berührung durch einen Mann. Angst vor Gefühlen, die wir selbst als unmännlich definieren. Wir Männer misstrauen einander, weil es als männlich gilt, zu konkurrieren. Wir haben Angst, unsere Schwäche vor anderen Männern zu offenbaren und in der Konkurrenz zu unterliegen.

Outsourcing von Berührungs- und emotionaler Kompetenz

Berührungskompetenz und emotionale Kompetenz geben wir Männer bereitwillig an Frauen ab und verlangen dafür die Versorgung unserer Seele. Daraus erwachsen Bedürftigkeit und Abhängigkeit. Die vielfältigen Folgen von Bedürftigkeit und Abhängigkeit generell, können wir überall auf dieser Welt leicht wahrnehmen. Kraftverlust, Angst, Spannungen, Hass… bis hin zum Krieg. Auch gegenüber den Frauen, denen wir Männer frei- und bereitwillig die Macht über einen grundlegenden Teil unseres Selbst gaben.

Aus meiner Sicht kann die Welt nur wieder heilen, wenn wir Männer das Outsourcing von Berührungs- und emotionaler Kompetenz an die Frauen aufgeben. Sie kann nur wieder heilen, wenn Männerhaut den gleichen Wert hat, wie Frauenhaut und wenn eine Männerberührung ebenso geschätzt ist, wie eine Frauenberührung. Es ist an der Zeit, die Verantwortung für unser körperliches und seelisches Wohl selbst zu übernehmen. Erst wenn wir Männer uns frei von Bedürftigkeit auf Frauen zubewegen können, werden die gesunden Spannungen der Polarität einen wirklichen Tanz ermöglichen.

Mann, wie weit reicht Dein Mut?

Wenn wir Männer uns unseren Abwehrstrategien, unseren inneren Drachen und Dämonen stellen, ist das eine wesentlich größere Herausforderung als Alles, dem wir in der äußeren Welt begegnen. Das gilt vor allem auch, wenn wir es riskieren, gegenüber anderen Männern „unmännlich“ zu sein. Dieser Gefahr sind wir besonders ausgesetzt, wenn wir Männer zärtlich berühren und uns von Männern zärtlich berühren lassen. Ich lade Dich als Mann zu diesem Abenteuer ein. Zum Beispiel beim Empfangen einer tantrischen- oder Tao-Massage.

Eberhard Axel Grote
Der Körperflüsterer