Seite auswählen

Körperexistenz und Schmerz

 

Ein Mensch liegt warm und bequem gebettet bäuchlings auf meiner Massagebank. Leicht schieben sich meine Finger zwischen Kissen und Fußgelenk. Eine sanfte Bewegung. Augenblicklich löst sie eine Spannung in den rückseitigen Muskeln des Oberschenkels und den beiden Sehnen in der Kniekehle aus. Der Unterschenkel hebt sich und mein Handkontakt ist weg. Das Fußgelenk schwebt frei über meiner Hand. Die Sekunden vergehen… Nichts passiert. Der folgende Dialog beginnt etwa so:
„Lass das Bein ruhig fallen.“
„Wie, fallen? Ich mache doch gar nichts.“
„Du spannst diese Muskeln und Sehnen an. Entspann sie mal.“ (Ich drücke sanft auf die Stellen)
„Aber wie denn? – Ich mache doch nichts.“…

Solche Phänomene sind oft und nicht nur bei sportgestählten Menschen zu beobachten. Auch bei vielen Menschen die sich keine reflexartigen Bewegungen antrainiert haben, sind sie oft vorhanden. Unbemerkt, weil die Körperwahrnehmung Lücken aufweist.

Meist schleichen sie sich ein. Zunächst zieht es ein wenig, weil ein Muskel nach ungünstiger Belastung, einer Stresssituation oder einem seelischen „Durchhänger“ angespannt bleibt. Es fehlt die Zeit, sich darum zu kümmern. Wird schon weggehen. Tut es auch. – Oder?

Bild RückenmassageViel zu oft geht es nicht weg. Der Körper beginnt jedoch zu schweigen wenn er nicht wahrgenommen wird. Das Gefühl wird abgeschaltet. Ein Teil „verschwindet“. Der Muskel verharrt in der Spannung und wird taub. Erst wenn eine Bewegung oder die massierende Hand die gewohnte Spannung verstärkt, wird wieder Gefühl aktiviert. Es schmerzt. Der Körper möchte wahrgenommen werden und mit jeder Zelle zurück in die volle Existenz. Der Schmerz ist ein Notruf, um die Existenz wieder ins Bewusstsein zu bringen.

Wir haben uns eine Welt geschaffen, in der eine ständige Bereitschaft verlangt wird „Action“ zu machen, Leistung zu bringen. Dabei folgen wir individuell eingeübten Verhaltens- und Bewegungsmustern. Emotionen zu zeigen, die uns in – auch innerliche – freiere Bewegung bringen, ist in dieser Welt in der Regel eher unerwünscht.

 

Körperwahrnehmung, Sinnesempfinden und Emotionen sind untrennbar miteinander verbunden.

 

Ein LächelnSchon ein Lächeln setzt Hormone frei, welche das Immunsystem stärken und Entspannung bis hin zum Glücksgefühl auslösen können. Wenn wir lächeln, ziehen wir unwillkürlich die Mundwinkel nach oben. Dabei ist es dem Körper völlig gleichgültig, ob es sich um ein „echtes“ Lächeln handelt, ausgelöst durch einen äußeren Reiz, oder um ein gespieltes. Wenn wir ohne äußeren Grund einfach die Mundwinkel hochziehen, registriert der Körper das als Lächeln und aktiviert die Hormonausschüttung. – Und nun versuch einmal, mit hochgezogenen Mundwinkeln böse zu sein. 🙂

 

Wir machen unsere Gefühle selbst.

 

Wie an dem kleinen Experiment spürbar wird, gehen die Emotionen mit Körperhaltungen einher.
– Wir schützen unser Herz vor emotionalem Schmerz, indem wir die Schultern nach vorne ziehen.
– Angst spannt unseren ganzen Körper an, zieht uns klein zusammen. Wir werden „unsichtbar“.
– Mit einem aufgerichteten Körper verbinden wir Selbstwert und Erfolg.
– Ausgelassene, freie Bewegung zeigt Lebensfreude.
Es liegt dabei in unserem Ermessen, wie wir auf Reize von außen antworten (wollen) und welche Haltung wir entsprechend einnehmen. Bedauerlicher Weise wird dieses Wissen und Können weder in der Erziehung, noch in einem üblichen Unterrichtsfach vermittelt.

Unsere Körper drücken all unser Sein nicht nur aus, aktivieren/deaktivieren damit entsprechende Botenstoffe und Funktionen, sie speichern auch tiefere/stärkere Erlebnisse in den Geweben. Es geht uns „durch Mark und Bein“, es läuft uns eine „Laus über die Leber“, unser „Herz zerbricht“. Das hinterlässt Spuren. Auch in unserem Muskelgewebe sind viele Erlebnisse und Erfahrungen gespeichert. Sind es solche, die schmerzhaft und/oder unerwünscht sind, verspannen die Muskeln. Die Nerven des betreffenden Bereiches werden entsprechend „abgeschaltet“. Die Körperwahrnehmung nimmt ab. Dabei verlieren wir Bereiche unserer Existenz.
„Unterhalb meines Bauchnabels bin ich nicht existent.“ Den Satz hörte ich z.B. schon von mehreren Frauen, die eine rigide religiöse Erziehung erlebten. Essstörungen gehen in der Regel mit einer verzerrten Körperwahrnehmung einher. Es gibt sogar Körper die weitgehend „verlassen“ sind und nur noch in ihrer Funktion existieren. Ich spreche aus Erfahrung, denn auch mein eigener gehörte in einem meiner Lebensabschnitte dazu.

Durch Berührungen werden diese Bereiche wieder aktiviert und die Erfahrungen erwachen erneut zum Leben. Das zeigt sich nicht nur bei schwer traumatisierten Menschen, sondern ist ein allgemeines Phänomen. Deshalb wird Berührung oft in bestimmten Bereichen abgewehrt. Zum Teil werden Schutzmechanismen aktiviert, wie z.B. kitzlig zu sein. Selbst in langjährigen Partnerschaften zeigen sich oft unberührbare Körperzonen. Die gespeicherten Erfahrungen behutsam zu wecken und wahrzunehmen, lässt sie heilen.

 

Wie können wir zu unserer vollen Existenz, unserem Da-Sein zurückfinden?

 

KW_Beruehrung_1Es gibt viele Möglichkeiten, sich seines Körpers bewusst zu werden. Yoga, Qigong (Chi Gong), Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen usw.
Diese Wege fordern ein aktives Herangehen. Sie fördern den Gleichgewichssinn, den Muskelsinn (er steuert die Funktionen der Muskeln, Sehnen und Gelenke) und die Tiefensensibilität, welche für die Kontrolle unserer Haltung und Bewegungen wichtig ist. Diese Wege haben jeweils eine bestimmte Methode und bestimmte Formen der Ausführung.

Nach meiner Erfahrung ist ein passiver Weg der Körperwahrnehmung ebenso wichtig wie ein aktiver. Massagen, Körperreisen, Sinnesspiele, die eine passive Rolle und eine Innenschau bei geschlossenen Augen ermöglichen, sind Wege, die auf einer weiteren Ebene feines und feinstes Spüren und Wahrnehmen fördern. Im Idealfall folgen diese Wege dem Moment des Geschehens und der Intuition. Sie sind dann frei von Vorgaben, Methoden und Formen. In der Leibarbeit (Leibtherapie), die auf Karlfried Graf Dürkheim zurückgeht, ist dieses verwirklicht. Weitere Infos zur Leibarbeit…

Mein passiver Lieblingsweg ist es, durch vielerlei achtsame, bewusste, spielerische, zielfreie Massagen und Berührungen die Körperwahrnehmung zu wecken und zu erweitern. Der Körper wird dadurch von festen Mustern gelöst und kann sich in einer neuen lebendigen Ordnung finden. Durch die Aufmerksamkeit, welche die festgehaltenen Gefühle bekommen, lösen sie sich.

 

Der Körper wird frei, die Seele weit.

 

Herzliche Grüße,

Eberhard

 

Berührung ist LebensWert

Fotos: © Christina Bohin