Seite auswählen

Erst verlassen, dann wiedergefunden.

 

Mein Körper hing am Arbeitsplatz. Mein Kopf dirigierte. 80 bis 115 Stunden pro Woche. Durch Zeiterfassung dokumentiert. Ohne Urlaub. Zweieinhalb Jahre.  Alles was mein Sein ausmachte, zog aus. Ich hatte  nahezu keine Gefühle und Empfindungen mehr. Ausnahme war manchmal ein wenig Frustempfinden. Selbst Schmerzsignale kamen kaum noch an.  Dieses Verlassen meines körperlichen Zuhauses kostete mich beinahe das Leben.

In der Zeit fiel die Mauer, die einst Deutschland in Ost und West trennte. Kunde von dem weitgehend unbekannten neuen Teil Deutschlands verbreitete sich.

So kam ich eines Tages in diese Gegend, in der ich nun schon etwa ein Drittel meiner bisherigen Lebensjahre lebe.

Diese Stelle der Welt berührte mich im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre löcherigen Straßen rüttelten mich durch und auf. Die Rauchfahnen der Braunkohlebriketts beleidigten meine Wessinase und noch mehr die blauen Wolken der Trabbis. Ich begann wieder zu spüren!

Diese Stelle der Welt berührte mich im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre löcherigen Straßen rüttelten mich durch und auf. Die Rauchfahnen der Braunkohlebriketts beleidigten meine Wessinase und noch mehr die blauen Wolken der Trabbis. Ich begann wieder zu spüren!

 

 

Bild von einem alten Haus

Die weiten, vielfältigen Landschaften hier herum erzeugten Weite und Vielfalt in mir. Die ungefegten Wälder dufteten. Ich begann auf Bäume zu klettern und Bäume zu umarmen. Allein in der Natur. Die machte sich daran, die Spuren der Russichen Truppen zu tilgen, die gerade abgezogen waren. Allein am See, mit Sonne und Wind auf der Haut. Still dem stetigen Hinziehen der Oder lauschen, den glucksenden Geräuschen der kleinen Wellen und Strudel am Uferrand. Seltsame Spuren in flachen Wassertümpeln verfolgen und die Muscheln entdecken, die sie bei ihrer Bewegung duch pumpenden Wasserstrahl in den sandig-schlammigen Grund zeichnen.

Spurenziehende Muschel

Ich begann wieder zu lieben; mich, die Menschen rundum, diese für mich wundervolle Umgebung.

Ich arbeitete auch hier. Doch das Leben lief zu der Zeit noch in einem viel menschengemäßeren Takt. Er war erheblich ruhiger und besinnlicher als ich es kannte. Es erinnerte an den Lebenstakt meiner frühen Kinderjahre.
– – – Gehörst Du vielleicht zu den Menschen, die sich an diesen Takt erinnern können? – – –
Auf den langen Fahrten, mit den Staus auf der Autobahn, zwischen dem Ruhrgebiet und hier, hatte ich viel Zeit meinem Dasein und dessen Sinn nachzuspüren.

Weite Landschaft des Barnim

 

 

 

Bild der Oder bei Zelliner Loose

Ein warmer Spätfrühlingsregen fiel. Die Sonne tauchte wieder auf und lud zum Spaziergang ein. In einer Schonung standen junge Kiefern. Ihre Zweige, die jungen Nadeln noch hell und weich, schwer von Regentropfen, giltzerten im Licht. Die Bäume standen mehr als mannshoch dicht an dicht, grün bis fast zum Boden. Belebte Stille ringsum. Kein Luftzug bewegte sich. Frühsommerversprechen und Lebensleichtigkeit drangen in jede Pore.

Es kam mir selbst unmöglich vor, doch ich musste mich einfach ausziehen. Meine Haut lechzte förmlich nach dieser nie zuvor erfahrenen Berührung. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als die weichen Zweige streichelnd ihre Wasserlast auf meinem Körper losließen und befreit emporschnellten.

Zweieinhalb Jahre. In der gleichen Zeitspanne in der ich mich verlor, fand ich zurück in das Zuhause meines Körpers. Die Berührungen der Natur heilten mich.

 

Zurück…
Bild eines Kiefernzweiges im Frühling